Homberg

Fossilienschutzgebiet „Homberg“

Im urzeitlichen Wattenmeer von Erdbach

Homberg207Von Heinzcarl Bender
Der heimatliche Boden war im Laufe von Jahrmillionen öfter vom Meer bedeckt gewesen. Ablagerungen dieser urzeitlichen Meere sind als Gestein erhalten und mit ihnen natürlich alle zur Erhaltung geeigneten Spuren des ehemaligen Lebens am Meeresboden. Diese versteinerten Spuren schweigen jedoch oft von ihren Urhebern und ihrer Entstehung. Im h e u t i g e n Wattenmeer aber sieht man das werdende Gestein, und man findet darin die Erzeuger verschiedener Lebensspuren an der Arbeit. Und sie sind es, die uns Hinweise für die Deutung der Spuren geben, die versteinert überliefert sind.
An der Nordsee macht das Senkenberg Museum (Station Senckenberg am Meer in Wilhelmshaven) Beobachtungen, um dann durch Anwendung der gewonnenen Erkenntnisse rückwirkend die versteinerten Lebensspuren urzeitlicher Meere deuten zu können. Das Wattenmeer der Nordsee kann ein Lehrbeispiel sein für Verhältnisse, wie sie vor 350 Millionen Jahren in Erdbach herrschten. Dort gab es nämlich ein typisches Wattenmeer.

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Fragen wir zuerst: Was ist ein Wattenmeer? Es ist (an der Nordsee) ein 12 bis 15 km breiter Küstensaum, der der eigentlichen Festlandküste vorgelagert ist und der sich bei Ebbe dem Auge darbietet als eine scheinbar öde, leblose Landschaft mit klebrigem Schlick, Pfützen und Rinnen. Dort begegnen sich die feindlichen Elemente Land und Meer; es ist das Niemandsland der Erde, das ständig sein Gesicht verändert. Diese Landschaft ist dem Wechsel von Ebbe und Flut unterworfen. Zweimal am Tage gibt das Meer die Waffenlandschaft frei, die andere Zeit gehört sie der Flut, die sie wieder überschwemmt. Die Öde – der erste Eindruck – ist aber nur scheinbar. Unzählige Tierspuren bieten sich dem genau zusehen¬den Auge dar und künden vom wirklichen Lebensreichtum. Hier gibt es alles, wie z. B. Mikrowesen, Würmer, Krebse und Vögel. Besonders interessant sind die Spülsäume, an denen Tierreste aller Art – besonders Muschelschalen, Schneckengehäuse, Krebsreste – angeschwemmt werden. Dazu kommen noch die so genannten Rippelmarken, die durch das Spiel von Wind, Wasser und Sand geschaffen wurden und die das ganze Watt überziehen. Die sichtbaren Spuren sind typisch für Wattenmeere, wo sie auch sein mögen, und wenn man heute auf den Schieferplatten (die einst Meeresschlamm waren) ähnliche Spuren findet, so ist die Deutung natürlich nicht mehr so schwer.

Hinzu kommen noch Mikrostrukturen, die z. B. von den Bauchflossen von Fischen im seichten Wasser verursacht worden sind, kleine Kothäufchen u. a. mehr. Das alles müsste man auch in einem als Wattenmeer angesprochenen Gestein aus der Urzeit finden.

In Erdbach liegen die Verhältnisse fast klassisch vor. Paläogeographisch ist festgestellt, dass der Fundort Erdbach (und auch der Weinberg in Herborn) inmitten einer Inselflur nördlich der Mitteldeutschen Schwelle gelegen hat. Die Gegend, in der die Inselflur lag, nahm den Abtragungsschutt der Schwelle (also des Festlandes) auf. Hier blieb das Meer flach. Hinzu kommt, dass in der Gegend der westlichen Hörre eine größere Insel lag, von der ein Fluss in der Gegend des Stützelberges bei Herborn ins Meer floss. Seine kieseligen Ablagerungen finden wir als Kulmkonglomerat dort heute noch vor. Wir wissen aber auch, wie es auf den zahlreichen Inselchen und am Saum des Festlandes ausgesehen hat. Hier wuchsen Farne verschiedener Arten. Riesenrohrhalme wuchsen bis 30 m hoch in den der Küste vorgelagerten Lagunen, und Cordalten reckten ihre hohen Stämme in die Luft. Neben Schuppenbäumen kommen ziemlich häufig unter den Riesenrohrhalmen Reste von Asterocalamiten vor. Vermutlich bei Sturmfluten oder allein durch Einschwemmung des Flusses wurden größere und kleinere Pflanzenteile ins flache Meer hinaustransportiert, um im feinkörnigen Sand und Schlamm eingebettet zu werden. Auf diesem Transport sind empfindliche Teile (wie Farnfiederchen) abgerieben worden. Es wurden aber auch zahlreiche vollkommen erhaltene Farnblätter im Gestein gefunden. Ein solcher Fund (im Herborner Weinberg geborgen) befindet sich jetzt im Senckenberg Museum Frankfurt am Main). Das Wasser des bei Herborn mündenden Flusses ist nach der Feststellung der Geologen kühler als das Meerwasser gewesen. Das bezeugen die sehr zahlreichen Urkrebse (Trilobiten), die sich gerade dort in den kühleren Bezirken des Meeres vor der Mündung aufhielten.

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Unter den Funden in den aus dem Meeresschlamm entstandenen Posidonienschiefern fällt besonders häufig die flache Muschel Posidonia becheri (Poseidonsmuschel) auf, die nach dem Dillenburger Oberbergrat Johann Philipp Becher (*1752 t 1831) benannt ist. Diese Muschel ist eine typische Flachmeer- und Wattenmeermuschel. Sie hat eine dünne Schale, die ganz zusammengedrückt ist. Da sie meist gesellig lebte, erfüllt sie manchmal ganze Schichten des Gesteins. Sie allein wäre bereits ein treffender Hinweis auf ein Wattenmeer. Aber wir finden noch ein Hauptkriterium – Rippelmarken. Die Ablagerung von Sand und Schlick ist nicht gleichförmig. Besonders Wind und Strömung schaffen die Kleinreliefformen des Wattbodens, die sog. Rippelmarken. Man findet sie nicht häufig; wenn aber – dann klassisch ausgebildet. Bei genauerer Beobachtung entdeckt man auch Flossenmarken, geformt wie ein großes Komma, und Kothäufchen. Wurmkriechspuren können meist nicht klar gedeutet werden. Die zahlreich gefundenen Wohnröhren der Gradhörner (Orthoceras, Tintenfischreste) sind meist klein und einem flachen Meer an¬gepasst. Ganz selten werden Reste des sehr großen, bis 2 m langen Orthoceras giganteum gefunden. Anscheinend sind seine (leeren?) Röhren schon in zerbrochenem Zustand von der offenen See her mit der Flut eingeschwemmt worden. Man kann sagen, dass alle gefundenen Reste des Lebens von Organismen stammen, die dem Leben im Wattenmeer angepasst sind. Die Merkmale der Funde lassen Zweifel an einem einstigen Wattenmeer nicht aufkommen.Homberg307
Das Bild ist klar: Flachmeermuscheln, kleine Orthocerasgehäuse, kleinere Formen von Goniatiten (Vorläufern der Ammoniten), Trilobiten, die im kühlen Wasser (vor der Flussmündung) lebten, und kleine Formen von Seelilien. Dazu kommen die Mikrospuren und Pflanzenreste u. a. mehr. Die meisten Lebensformen halten auch den Wechsel von Ebbe und Flut aus. Das ist für die Betrachtung entscheidend.
Wenn wir also im Homberg Steinbruch in Erdbach (oder im Weinberg bei Herborn) stehen, so stehen wir inmitten von Wattenmeerschichten der Unterkarbonzeit, der untersten Stufe der Steinkohlezeit.
Quelle: Heimatjahrbuch 1980

LINK:(bitte den Hinweis im Register Ipressum beachten)

Der eiszeitliche Höhlenboden von Breitscheid-Erdbach, ein paläontologisches Denkmal

Der Festplatz am Fuße des Hombergs